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Die Renaissance-/Barockorgel


Georg Böhm, der berühmteste St. Johannis-Organist, hat die letzten 35 Jahre seines Lebens auf dieser Orgel gespielt, komponiert und unterrichtet. Johann Sebastian Bach, der 1700-1702 als Schüler der Michaelisschule in Lüneburg weilte, lernte ihn, seine Orgel und sein Orgelspiel hier kennen und schätzen.

Die Orgelbauer
1551-53 Bau einer großen Renaissance-Orgel durch Hendrik Niehoff in Hertogenbosch
1652 Überholung und Vergrößerung der Orgel durch Friedrich Stellwagen aus Lübeck
1712-15 Umbau und Erweiterung durch Matthias Dropa
1852 Umbau durch Eduard Meyer
1922 pneumatische Traktur durch Oskar Walcker
1953 Restaurierung durch Rudolf von Beckerath


Heutige Disposition
HW II C-g'''
Prinzipal 16'
Quintadena 16'
Oktave 8'
Gedackt 8'
Oktave 4'
Nachthorn 4'
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Bauernflöte 2'
Mixtur 6-8f, 1 1/3'
Scharff 4-5f, 2/3'
Trompete 16'
Trompete 8'
Trompete 4'

OW III C-g'''
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Blockflöte 4'
Nasat 2 2/3'
Gemshorn 2'
Terzian 2f
Oktave 1'
Mixtur 5-6f, 1'
Zimbel 3f, 1/6'
Trompete 8'
Dulzian 8'

RP I C-g'''
Prinzipal 8'
Gedackt 8'
Quintadena 8'
Oktave 4'
Rohrflöte 4'
Sesquialtera 2f
Waldflöte 2'
Sifflöte 1 1/3'
Scharff 5-7f, 1'
Dulzian 16'
Bärpfeife 8'

Pedal C-f'
Prinzipal 16'
Untersatz 16'
Oktave 8'
Gedackt 8'
Oktave 4'
Nachthorn 2'
Bauernflöte 1'
Rauschpfeife 2f
Mixtur 6-8f, 2'
Posaune 32'
Posaune 16'
Trompete 8'
Trompete 4'
Kornett 2'

Koppeln:
OW/HW, RP/HW,OW/Ped, HW/Ped,RP/Ped
Tremulanten OW, RP


Seit mehr als 450 Jahren genießt die große Orgel von St. Johannis in Lüneburg einen ganz besonderen Ruf. Als die Juraten der Kirche 1551 den Auftrag für ein großes dreimanualiges Instrument an die Werkstatt von Hendrik Niehoff in s'Hertogenbosch erteilten, war ihnen vermutlich die Orgel in St. Petri der Nachbar- und Konkurrenz-Hansestadt Hamburg das Vorbild, die Niehoff kurz zuvor zu einem repräsentativen, modernen Instrument erweitert hatte. Da konnten die Lüneburger nicht hintan stehen: Mit Niehoff wählten sie den zu seiner Zeit in den Niederlanden führenden und einflussreichsten Orgelbauer, der den brabanter Orgelbau wesentlich geprägt hatte und damit zum Vorbild für eine ganze Epoche geworden war.

Bis 1551 hatte St. Johannis nur eine kleinere Orgel auf dem sogenannten Ratslektor, im Westen der Kirche war der Durchgang von Turmhalle zum Kirchenschiff noch frei und unverbaut. An diese akustisch ideale Position durfte nun Niehoff sein prächtiges Renaissance-Gehäuse bauen, damals noch ohne die Pedaltürme, dafür mit großen bemalten Flügeltüren am Haupt- und Rückpositivgehäuse.

Über die Disposition sind wir durch das "Syntagma musicum" des Michael Praetorius unterrichtet; vom originalen Vertrag ist nur ein Teil des Entwurfes erhalten. Die Orgel besaß demnach 26 Register: Im Hauptwerk das nur wenig aufgespaltene Blockwerk mit Prinzipalen 8' und 4'+2', dazu eine groß besetzte Mixtur sowie ein Scharf.

Das Rückpositiv als klangliches Pendant zum Hauptwerk hatte ebenfalls Prinzipale 8' und 4', Mixtur und Scharf, dazu jedoch noch Register aus der Flötenfamilie sowie vier verschiedene Zungenstimmen auf einer gesonderten Windlade.

Das Oberwerk auf dem dritten Manual war sozusagen die Flöten- und Zungenlade des Hauptwerks: Neben einem Prinzipal im Prospekt standen dort verschiedene sehr weit mensurierte Flöten, dazu eine Zimbel und eine Trompete. Die damals neu erfundenen Flöten- und Zungenregister der Orgel dienten der Nachahmung des damaligen Orchesters und tragen daher auch Namen von Ensemble-Instrumenten der Renaissance: Trompete, Krummhorn, Dulzian, Baarpip, Blockflöte, Gemshorn usw.

Das Pedal war fest an das Hauptwerk gekoppelt. Damit der Bass aber eine Oktave tiefer klingen konnte als die Oberstimmen, besaß das Hauptwerk noch eine zusätzliche Bass-Oktave (Kontraoktave). Diese spezifische Konstruktion der Brabanter Orgelbauschule behielt die Johannisorgel fast 100 Jahre hindurch.

1652 überholte und erweiterte Friedrich Stellwagen aus Lübeck die Orgel, nachdem sich der damalige Organist Franciscus Schaumkell in mehreren Eingaben über ihren Zustand beklagt hatte. Die wichtigste Erweiterung des Instruments initiierte Georg Böhm, der bekannteste unter den insgesamt 20 Organisten, die an St. Johannis seit 1553 Dienst getan haben. Zum einen häuften sich während seiner Amtszeit 1698-1733 die Mängel der Orgel, zum anderen war in Norddeutschland mit dem Entstehen von großen Pedalwerken und Orgelliteratur mit unabhängigen, solistisch geführten Pedalpartien eine unumkehrbare Entwicklung der Orgelkultur geschehen, an der auch Böhm teilhaben wollte.

Mehrere Orgelbauer machten Angebote zur Vergrößerung der Orgel, unter ihnen auch Arp Schnitger. Aus den Akten lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren, warum nicht er, sondern einer seiner Schüler, der in Lüneburg ansässige Matthias Dropa den Auftrag bekam. Dessen Konzept machte aus der Renaissanceorgel ein Instrument des norddeutschen Barock: Drei nahezu gleichwertige Manualwerke, dazu ein großes selbstständiges Pedal, der Verzicht auf Pedalkoppeln, dagegen untereinander koppelbare Manuale. Allerdings - und darauf legten Böhm und die Juraten von St. Johannis großen Wert - sollte er "die helle und scharfe Intonation" der Orgel nicht nur beibehalten, sondern er sollte auch die neu zu bauenden Register diesem Klangideal anpassen.

Der Vertrag sah eine Erweiterung auf 46 Register vor. Die dafür vereinbarten 2000 Reichstaler bezahlte der Senator Joachim Panning aus eigener Tasche; heute wäre das fast eine halbe Million Euro! Den für die Pedalregister benötigten Platz schaffte Dropa durch zwei seitlich an das Hauptgehäuse angefügte Türme. Platz dafür war vorhanden, nachdem schon im 17. Jahrhundert die Flügeltüren entfernt worden waren.

In diesem Zustand blieb die Orgel für mehr als hundert Jahre. Kleinere Ergänzungen, wie die Hinzufügung eines dreioktavigen Glockenspiels oder eine Viola da gamba, veränderten den Charakter des Werks nicht nachhaltig. Dropas Arbeit war aber wohl nicht sonderlich dauerhaft: Schon 1735 musste die Orgel - gerade erst 20 Jahre nach dem Dropa-Umbau - schon wieder gründlich repariert werden. 1809 ist eine weitere größere Reparatur belegt, und als 1842 der Organist Louis Anger seinen Dienst begann, war ihr Zustand offenbar wieder beklagenswert. 10 Jahre dauerte es, bis Angers wiederholte Eingaben und Beschwerden endlich Erfolg hatten: Der Hoforgelbauer Eduard Meyer aus Hannover bekam den Auftrag, die Orgel zu überholen und sie dem romantischen Zeitgeschmack anzupassen.

Meyer entfernte die Pedalmixturen ("die Schreystimmen des Pedals"), setzte die Manualmixturen um, entfernte hochklingende Register und ersetzte sie durch Streicher und Flöten, erweiterte den Tonumfang und baute dafür neue Laden und Klaviaturen. Die Windversorgung allerdings bekam er nicht in den Griff. Jahrelange Klagen des Organisten und auch das Einbehalten eines Teils des Honorars schafften keine Abhilfe, und endlich empfahl Meyer, den Lüneburger Orgelbauer Röver mit dieser Aufgabe zu betrauen. Hier zeigte sich, dass es Meyer eben doch an der nötigen Erfahrung fehlte im Umgang mit einem so großen Instrument.

Die nächste tiefgreifende Änderung im Charakter des Instruments bewirkte der Organist Carl Hoffmann. Seine musikalische Welt waren die großen Orgelwerke der deutschen romantischen Symphonik eines Max Reger oder Sigfrid Karg-Elert. Er drängte hartnäckig darauf, die Orgel mit allen damals modernen Spielhilfen und einer pneumatischen Spiel- und Registertraktur auszustatten, dazu mit einem Fernwerk in der sogenannten Barbarakapelle und einem Schwellkasten um das Oberwerk. 1922 und 1926 führte Walcker diese Arbeiten aus, allerdings war es eine reine technische Veränderung der Orgel, Disposition und Pfeifenmaterial blieben unangetastet. Sogar die Meyerschen Windladen benutzte Walcker weiter.

Der damalige Orgelsachverständige übrigens bescheinigte der Orgel Denkmalwert ausschließlich für Gehäuse und Prospekt, die Pfeifen hielt er im Wesentlichen für Hinzufügung und Veränderungen späterer Zeiten und daher nicht für schützenswert.So wurden 1943 denn auch nur Prospekt und Gehäuse zur Sicherheit ausgelagert bzw. eingemauert, und erst auf Intervention des Orgelbauers Kemper hin wurden auch einige weitere Pfeifenreihen, die Kemper als der Renaissance zugehörig erkannt hatte, ebenfalls gesichert.

Die Einflüsse der Orgelbewegung führten schließlich Anfang der fünfziger Jahre zu einer Umorientierung in der Betrachtung der St. Johannisorgel: Man erkannte, dass die Umbauten Walckers und auch Meyers der Orgel ihren Charakter genommen hatten, und versuchte zu retten, was zu retten war. Rudolf von Beckerath gehörte damals zu den renommiertesten und profiliertesten Orgelbauern bei Neubau und Restaurierung historischer Instrumente, und er gab der Orgel ihre auch heute noch existierende Fassung: Er ging in der Disposition (im Wesentlichen) auf Dropa zurück und stellte mit einer neuen mechanischen Spiel- und Registertraktur den ursprünglichen Zustand wieder her, allerdings unter Beibehaltung des durch Meyer erweiterten Tonumfanges, Ergänzung von Pedalkoppeln und Hinzufügung einiger Register, die die Disposition nun auf 51 Register erweiterte.

Auch wenn man in den seitdem vergangenen 50 Jahren im Bereich der Restaurierung Wesentliches dazu gelernt hat, war Beckeraths Arbeit doch für die Nachkriegsjahre von ganz außergewönlicher Qualität und hat den richtigen Weg beschritten: Beckerath hatte den ganz besonderen Wert der Orgel erkannt, der in der ganz außergewöhnlichen und für Europa einmaligen Synthese aus niederländischer Renaissanceorgel und dem Typus der norddeutschen Barockorgel besteht.